Die katalanische Krippe

Krippen zu Weihnachten kennt man auch in Deutschland. In Spanien und Katalonien jedoch, sind die Krippen etwas anders, als bei uns. Lesen Sie hier den Bericht von Marc Boix über die katalanische Krippenkultur:

Lebendige Krippe

Krippen stellen die Geburt und andere Szenen aus der Kindheit Jesu dar. Diese Darstellung hat ihren legendenartigen Ursprung in der Figur des heiligen Franz von Assisi. Dem Brauch nach, wird die Krippe am Tag der heiligen Luzia (13. Dezember) aufgestellt, zusammen mit dem restlichen Weihnachtsschmuck, der hauptsächlich mit dem “Licht” zu tun hat, schließlich ist das Weihnachtsfest ja eigentlich die Verchristlichung der Lichtfeier der Antike ist, die den Triumph des Lichtes am Anfang des Winters feierte.

Das katalanische Wort “pessebre” für die Krippendarstellung ist spanischen Ursprungs. Auf Spanisch nennt man eine Futterkrippe “pesebre”, auf Katalanisch “menjadora”. Im Katalanischen jedoch nutzt man das Wort “pessebre” für die Krippendarstellung, die man im Spanischen “Belén” (“Betlehem”) nennt.
Neben lebendigen Krippen, in denen Menschen die statischen Szenen der Geburt Jesu darstellen, gibt es natürlich verschiedene Arten von Krippen mit leblosen Figuren:

Biblische Krippen zeigen in einer realistischen Art und Weise die Landschaft, Kleidung und Werkzeuge zur Zeit Jesu. Meist haben die Darstellungen nur eine Perspektive, wechselnde elektrische Beleuchtung und sogar bewegliche Figuren.

Volkstümliche Krippen sind meist historisch nicht ganz korrekte Darstellungen. Oft gibt es falsche Grössenverhältnisse zwischen den einzelnen Figuren und den Objekten. Die Kleidung ist historisch nicht passend. Sie enthält zum Beispiel eine katalanische Bauernmütze („barretina“) und andere traditionelle Kleidungsstücke. Die Berufe der Figuren (Maroniverkäuferin, Priester, usw.), die Landschaft und die Gebäude sind weder geographisch noch zeitlich passend.
Bei den ländliche Krippen spiegeln Figuren, Kleidung, Objekte, Bräuche und Landschaften das Land wieder, wo die Krippe hergestellt wird. In Katalonien finden sich in den Krippen die katalanische Bauernmütze, Kniebundhosen, Bauernschuhe, Bauernhöfe, typische Weingefäße (“porrons”), Würste, usw.
Moderne Krippen sind aus allen möglichen Materialien, Objekten und Techniken zusammengestellt. Sie können teils sehr originell sein.

Gebräuchliche Krippenfiguren

In den traditionellen Hauskrippen, und auch in vielen anderen, werden oft mehrere Szenen gleichzeitig dargestellt, obwohl sie zeitlich nicht ganz zusammenpassen. In ihnen sind sowohl menschliche, als auch einige Tierfiguren wichtig.


Geburt: Es wird, natürlicherweise, der Stall (nach Lk 2,7) oder die Höhle (nach den Apokryphen, wie .B. das “Protoevangelium Jakobs”) dargestellt, in der Jesus geboren ist. Diese wird normalerweise “portal” oder “Tor” genannt. Die Figuren, die wir in dieser Szene finden sind:
MARIA: Sie wird meist jung und hübsch dargestellt, in hellblauer und weisser Kleidung, und mit einem Schleier, der ihre Haare bedeckt. Oft sitzt sie.
JOSEF: Meist stehend, mit Bart und oft als alter Mann dargestellt. Die Kleidung ist weinrot oder bräunlich und er hält in der Hand einen blühenden Stab.
JESUS: Oft als Wickelkind dargestellt und in einer Krippe auf Stroh liegend. Nicht selten kann man ihn auch als viel zu grosses Kind, ganz nackt oder mit zeitlich unpassenden Windeln sehen.
DER OCHSE: Diese Figur stammt aus dem apokryphischem Evangelium des “Pseudo Mathäus”. Es scheint, dass sie dem Stierkult entspringt, welcher in der Mittelmeergegend sehr verbreitet war. Er ist ein Symbol der Kraft, der Macht und der Fertilität.
DAS MAULTIER: Auch dieses Tier stammt aus dem apokryphischem Evangelium des “Pseudo Mathäus”, aber es hat seinen Ursprung im Esel des Moses, als er, vom Herrn geschickt, nach Ägypten zurückkehrt (Ex 4, 20), denn im Mathäusevangelium finden wir ein Paralellismus zwischen Jesus und Moses.


DER ENGEL: Meist finden wir einen Engel über der Krippe, so wie im apokryphischem Evangelium des “Pseudo Mathäus” eine Schar Engel im Augenblick der Geburt Jesu erscheinen.
HIRTEN: Die Hirten machten sich auf, um zu sehen, was ihnen der Engel verkündigt hatte, und fanden das Kind so wie er es ihnen gesagt hatte (Lk 2, 15-20). In den Krippen gibt es meist einen oder mehrere Hirten, die das Kind anbeten und Geschenke bringen (wie, z. B. im apokryphischem “Arabischem Kindheitsevangelium”), oft junge Schäflein, aber auch erwachsene Schafe.



Verkündigung: Hier wird die Szene aus dem Lukasevangelium dargestellt (Lk 2, 8-15), in der die Hirten, die nachts draussen auf dem Feld, um ein Feuer ruhend, auf die Herden aufpassen und von einem Engel geweckt werden, der ihnen die Geburt Jesu vekündet. In dem Evangelium erscheint nach dieser Verkündigung eine Schar Engel, die Gott preisten und „Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden den Menschen, die Gottes Wohlgefallen haben“. In den Krippen wird dies zusammengefasst, indem ein eiziger Engel eine Schriftrolle trägt, auf der „Gloria“ zu lesen ist.



Reise oder Anbetung der Könige: Im Mathäusevangelium (Mt 2, 1 -12) liest man dass, nachdem Jesus geboren war, Weise oder Könige - je nach Übersetzung – kamen, um ihn anzubeten weil sie im Orient seinen Stern gesehen hatten. In den Apokryphen werden diese mysteriösen Figuren weiter beschrieben und ihre Zahl festgesetzt, obwohl es darüber keine Einstimmigkeit gibt. Die Tradition einigt sich auf drei. Ausserdem bekamen sie Namen (apokryphisches „Armenisches Kindheitsevangelium“), Ursprungsland und wurden zu Königen gemacht (laut der „Äthiopischen Auslage des Protoevangeliums des Jakobs“). Später sogar, obwohl man sich einig war, dass sie aus dem Morgenland kamen, fing man an sie als weisshaariger alter Mann, blonder und schwarzer darzestellen, stellvertretend für die drei zu Jesu Zeiten bekannten Kontinente: Asien, Europa und Afrika. Die Könige werden, das Kind anbetent, am Eingang der Krippe aufgestellt oder sie sind auf dem Weg, auf drei Kamenen reitend. Es können auch andere Reittiere sein, manchmal findet man sogar einen König auf einem Kamel, der Zweite auf einem Pferd und der Dritte auf einem Elefant, wiederum stellvertretend für die drei Kontinente. Normalerweise werden sie von drei Dienern begleitet, die meist zu Fuss gehen und oft die Reittiere leiten. In monumentalen Krippen kann man sogar ganze Karavannen aus Eseln, Kamelen und Maultieren finden, die die verschiedensten Geschenke tragen. Die Kinder des Hauses spielen oft mit den Figuren der Könige, in dem sie diese von einem entfernten Ort, jeden Tag ein Stück näher schieben, so dass sie am Tag der Erscheinung oder Epiphanie (6. Januar) an der Krippe angekommen sind.
Es darf natürlich der Stern mit seinem langen Schweif nicht fehlen, der die Richtung weist.



Darstellungen verschiedener Handwerke: In den Krippen kann man alle möglichen bekannten Handwerke finden (obwohl sie, wie gesagt, zeitlich ganz unpassend sein können). Die traditionellen Handwerke werden meist in ihrer natürlichen Umgebung dargestellt: der Hirte, in allen möglichen Ausführungen seines Berufes; die Frau, die am Fluss wäscht; die Frau, die spinnt; der Fischer mit seiner Angel; der Jäger (oft ist es ein Hirte mit einem Bogen); der Holzfäller; der Bauer; der Bäcker; der Schmied; der Schreiner; usw. Es gibt Platz für alle Berufe, man findet sogar Märkte mit Gemüseständen, Fleischer oder Fischerständen...

Die Tiere: Die Liste der Tiere, die man in den Krippen finden kann, ist unendlich. Die wichtigsten sind der Ochse und das Maultier an der Krippe; die Schafe, Lämmer und Ziegen, die die Hirten begleiten und die Reittiere der Könige. Man findet aber auch Enten, Gänse, Schwäne, Hühner und andere Flügeltiere, Esel, Pferde, Kühe, Hunde, Vögel und, obwohl es ganz sinnlos ist, in vielen Krippen gibt es sogar Schweine.
Der Teufel: Der Teufel kommt immer wieder in den katalanischen volkstümlischen Kultur vor, und natürlich auch an Weihnachten. Meist ist er versteckt in einer Ecke oder in einer Höhle, die die Hölle darstellt.


Zeitlich unpassende Figuren: Wie schon gesagt, in den katalanischen Krippendarstellungen kommen oft zeitlich unpassende Aufführungen vor. So ist es nicht erstaunlich einen Priester zu sehen, der mit langer schwarzer Soutane auf einem Esel reitet und einen roten Schirm trägt, oder mit Soutane, Hut und Messbuch in der Hand, als ob er gleich eine Messe feiern wollte. Die Frau, die Wasser aus einem Brunnen schöpfen will, bräuchte nicht als zeitlich unpassend bezeichnet werden, aber sie wird oft „die Samaritanerin“ genannt, wie in der Szene aus dem Johannesevangelium (Joh 4, 1-42), in der der schon erwachsene Jesus mit einer Frau aus Samaria spricht und sie in eine evangelisierende Frau verwandelt.



Landschaftselemente: Jede Familie und jeder Mensch baut die Krippe so auf, wie er es gerne hat, aber es gibt gewisse Elemente, die fast überall zu finden sind: der Fluss, der meist eine Brücke hat, über die oft die Könige kommen, einen Brunnen, Berge, Häuser, Bäume und Pflanzen jeglicher Art, eine gemalte Landschaft als Hintergrund, usw...


Der „caganer“: Der „caganer“ ist eine charakteristische katalanische Krippenfigur. Sie stammt aus der barrocken Zeit, in der man die realistischen Darstellungen jeglicher Art in der Kunst und der Kultur übertrieb, und das galt natürlich auch für die volkstümlichen Darstellungen.
Der klassische „caganer“ sieht aus wie ein Bauer, der in einer Ecke hinter einigen Büschen hockt und sich „erleichtert“. Er hat traditionelle katalanische Kleidung an, dunkle halblange Hosen und Weste, weisses Hemd und rote Bauernmütze und Gürteltuch. Heutzutage, aber, wird er ganz verschiedenartig dargestellt, sei als anonyme Figur in Form eines Priesters oder Polizisten oder als bekannte Figur mit Gesicht und Kleidung von bekannten Politikern, Fernsehschauspielern oder Sportlern, usw. Eine weitaus modernere Figur ist der „pixaner“, der, wie wir alle mal im Wald, in einer Ecke steht und pinkelt. Viele Familien aber mögen diese Figur nicht, da sie nicht traditionell ist....
Der „caganer“ hat einen volkstümlichen, aber auch philosophisch-religiösen Hintergrund. Der Erste bezieht sich auf die Fruchtbarkeit der Erde, die mit seinen Exkrementen gedüngt wird, und die fürs neue Jahr Gesundheit und Glück bringt, wie auch die nötige Freude und Frieden, um die Krippe aufzustellen. Der philosophisch-religiöse Hintergrund bezieht sich auf die Gleichheit aller Menschen vor Gott: ob reich oder arm, alt oder jung, Knechte oder Herren, alle „erleichtern“ wir uns mal. Der „caganer“ ist an sich eine eskatologische Figur, die uns zeigt, so wie in einigen Theaterspielen des Mittelalters, dass wir in der Todesstunde alle gleich sind.
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