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Schulpraktische Studien auf den Spuren der Städtepartnerschaft


Mein zweites Schulpraktikum stand bevor und ich wollte nach Spanien. Aber wie? Über Berichte und Erzählungen hatte ich in den letzten Jahren bereits viel von kulturellen Begegnungen zwischen meiner Heimatstadt Rheda-Wiedenbrück und Palamós gehört. Konnte dieser Austausch nicht auch durch ein Praktikum bereichert werden? 

Aus meiner Studienstadt Gießen nahm ich spontan Kontakt mit dem Partnerschaftsverein vor Ort in Spanien auf und wurde erhielt sofort eine Antwort. Es folgte ein reger Emailverkehr und Telefonate mit verschiedenen aktiven Mitgliedern des Vereins, der schließlich die Tür öffnet: Lourdes Valls, die Musiklehrerin der Grundschule Ruiz Giménez in Palamós erklärte sich als Mentorin bereit, meine schulpraktischen Studien im Fach Musik zu begleiten. Wie ich erfuhr, hatte sie selber erst im Dezember 2011 innerhalb der Patenschaft wiederholt an einer Exkursion nach Rheda-Wiedenbrück teilgenommen, um dort kulturelle Einblicke zu sammeln, Bekannte wieder zu treffen, den internationalen Austausch zu pflegen und zu musizieren. Was ein Glück! Sie kannte bereits meine Heimatstadt und die deutsche Kultur.

Über Email fand unser erster Austausch statt und es wurden Formalien geklärt und schließlich der Zeitraum meiner schulpraktischen Studien festgelegt. Nach Anfrage erhielt ich über den Verein von Stephan Crass sogar große Unterstützung auf der Wohnungssuche. Über eine Kette von Bekanntschaften wurde mir schließlich eine Wohnmöglichkeit versichert. Im Verlauf erhielt ich zudem Informationen von meiner zukünftigen Mentorin wie ich meine kulturelle Begegnung mit Spanien auch außerhalb der Schule durch Aktivitäten bereichern konnte. Es schien, als ob das Wichtigste vorbereitet war und ein vielseitiges Programm auf mich in Palamós wartete. 


Mitte Februar begann schließlich mein fünfwöchiges Praktikum in Spanien und überraschte mich mit vielen neuen Eindrücken und Erfahrungen. Wie ich schnell feststellte, schien mein täglicher Arbeitsweg der kürzeste innerhalb des ganzen Schulkollegiums zu sein. Die Grundschule Collegi d`Educació Infantil i Primària Ruiz Giménez befindet sich im Zentrum der von Palamós im historischen Gebäude der ersten Volksschule und schmückt mit ihrer Ausstrahlung das Stadtviertel. Ich war von einer russischen älteren Dame aufgenommen worden und wohnte etwa drei Minuten von der Einrichtung entfernt. Auf diese Weise brauchte ich zur Schule nur die Straße hinunter zu gehen und rechts abzubiegen. Durch die schmale Gasse schlendernd zwitscherten dabei jeden Morgen die Kanarienvögel auf den Balkonen der Spanier und erinnerten mich in der Morgenfrische an das südländische Klima. In der Schule wurde ich mit Küsschen rechts und links von allen herzlich willkommen geheißen. Die Lehrerschaft begegnete mir dabei mit einer großen Offenheit und Gesprächigkeit, mit der ich ein Kollegium bisher noch nicht kennen gelernt hatte. Sie unterstützten mich auch sprachlich, so dass ich mich in der Schule so gleich gut aufgehoben fühlte. Im Lehrerzimmer wurde in den Pausen viel gelacht, sich unterhalten und gemeinsam gegessen. Ein ruhiger Moment war dann unmöglich zu erhaschen und meistens nur im Musikraum zu finden. Innerhalb des Schulgeschehens eröffnete mir der Musikunterricht einen vielseitigen Blick in eine andere Unterrichtskultur. Wie ich mit der Zeit feststellte, waren viele musikalische Aktivitäten interdisziplinär orientiert und in ein Projekt mit anderen Fachlehrern eingebunden. Während meines Praktikums konnte ich beispielsweise eine kooperative Projektphase der dritten und vierten Klassen für ein geplantes Schulfest aller Grundschulen innerhalb der Stadt mitbegleiten. Über mehrere Wochen arbeiteten wir gemeinsam mit fünf Kolleginnen an der Einstudierung eines Tanzes zur Musik der Carmina Burana von Camilla S. Im geschlossenen Musikunterricht erhielt ich zudem die Möglichkeit, mein Instrument allen Altersgruppen vorzustellen. Es stellte sich dabei heraus, dass nur wenige Schüler bisher mit einem Cello in Kontakt gekommen waren, so dass sich die Unterrichtsstunden mit dem Cello zu intensiven, spannenden Experimentierstunden entwickelten, bei denen der Klang der leeren gestrichenen Seiten plötzlich aber einstimmig Assoziationen mit der Schiffshupe auf dem Mittelmeer weckte. Um die Kultur der Katalanen näher kennen zu lernen, wurde ich außerhalb der Schulzeit von meiner Mentorin zu einem Musikkonzert ihrer Band mitgenommen und zu einer Exkursion auf den Spuren Dalís eingeladen.

Während meines Praktikums konnte ich in der Grundschule Ruiz Giménez insgesamt einen vielseitigen Einblick in das spanische Schulsystem – oh Verzeihung! in das katalanische System erhalten. Aber nicht alleine die katalanische Schulkultur lud mich zur Exploration ein: Der in meiner Vorstellung kleine Ort Palamós entpuppte sich nach ersten Erkundungen als lebhafte Stadt mit einer sehr geselligen Bewohnerschaft, die sich bei Öffnungszeiten in der Regel bevorzugt auf den Straßen aufhält und dabei die Begrüßung keiner Bekanntschaft auslässt – sei es auf dem großen Markt, der sich zweimal in der Woche an der Hauptstraße ausbreitet oder zu Festen, wenn alle an den Strand zum Sardellenesse kommen. Den Worten „Quieres tomar algo“ konnte ich dann nicht mehr entgehen, so dass ich mich kurze Zeit später mit Freunden des Partnerschaftsvereins in einem Café oder einer spanischen Bar mit Tappa wiederfand. Aber auch bei den alltäglichen Dingen, bei der Stadterkundung, auf der Suche nach Shops oder einer Internetverbindung fand ich immer Unterstützung bei Pepe, Anna, oder Stephan die mich mit großem Engagement in die Kultur einführten – sei es durch ein Picknick am Strand, die Erkundungstour historischer Städte oder die Erprobung spanischer Ess- und Tanzkultur. 

Zudem schien die katalanische Schulkultur nicht vor verschlossener Schultür Halt zu machen. Nach Schulschluss war es sehr wahrscheinlich, dass mir ein paar Schüler auf dem Weg nach Hause oder kurze Zeit später bereits wieder in die Stadt begegneten und laut über Straße riefen: „Hola, Janina!“. Da fiel es nicht schwer, sich in der Partnerstadt Palamós heimisch zu fühlen.


























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